Diary of the Dead (2007, Artfire Films, George A. Romero)
Wenn man den Begriff “B-Movie” hört, denkt man unweigerlich an schlechte, abstruse und teilweise sogar nervtötende Filme. Ein B-Movie muss aber nicht zwangsläufig ein schlechter Film sein, was zum Beispiel die Filme von George A. Romero beweisen.
Ich muss natürlich einräumen, dass ich ein großer Fan seiner Werke bin. Die “…of the Dead” Reihe ist einfach großartig und wurde meiner Meinung nach zu Recht in den Kultstatus erhoben. Romero ist im Gegensatz zu vielen anderen ein sehr guter Regisseur, denkt sich halbwegs plausible Storylines aus, hat ein gutes Auge für Spezialeffekte und übt mit seinen Filmen unterschwellig heftige Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Missständen.
Ende der 1960er Jahre erschuf Romero den Kultschocker “Night of the living Dead ” und legte damit den Grundstein für das, was wir heute als Zombiefilm kennen. In den 70ern drehte Romero dann den Film, der ihn international bekannt machen sollte. “Dawn of the Dead” ist noch heute einer der umstrittensten Filme aller Zeiten. In einigen Ländern der Zensur zum Opfer gefallen, in anderen gefeiert und ausgezeichnet, wurde dieser Streifen zur absoluten Referenz in Sachen Zombiehorror. Alle nachkommenden Filme dieses Genres werden sich für immer an “Dawn of the Dead” messen lassen müssen.
Es folgte noch eine minder erfolgreiche Fortsetzung “Day of the Dead” worauf hin es viele Jahre still um Romero wurde, bis er sich 2005 mit “Land of the Dead” zurück meldete.
Als also sein neuster Film ” Diary of the Dead” fertiggestellt war, freute ich mich wie ein kleines Kind endlich wieder einen neuen “Romero” zu sehen und was soll ich sagen? Meine Erwartungen wurden in keiner Weise enttäuscht.
Die Handlung des Films ist im Prinzip sehr schnell erzählt. Eine Gruppe von Filmstudenten wird von der Zombieapokalypse überrascht und versucht mit einem Wohnmobil in Sicherheit zu gelangen. Unterwegs werden die Studenten mit allerlei Schwierigkeiten konfrontiert, die sie immer wieder dazu zwingen, ihre Fahrt zu unterbrechen und sich dem Risiko einer direkten Konfrontation mit den Untoten auszusetzen. Hierbei werden die Reihen der Protagonisten natürlich immer weiter ausgedünnt und das Ende bleibt, für Romero typisch, offen.
Ich will an dieser Stelle auch nicht wirklich auf die Handlung des Films eingehen, sondern zeigen, warum ich denke, dass Romeros “Diary of the Dead” ein gelungener Film ist. Die Handlung kann man hierbei außer acht lassen, denn sind wir mal ehrlich, auf der Ebene des Zombie – Survival – Horror ist die Handlung ohnehin klar und auch Romero kann hier nicht mit bahnbrechenden Neuerungen aufwarten. Werfen wir also einen Blick auf die Art und Weise in der Romero dem Film sein Gesicht gibt.
Zunächst möchte ich auf die Spezialeffekte eingehen. Romero setzt seine Gewaltdarstellungen gekonnt ein und verzichtet weitestgehend auf übermäßig blutrünstige Darstellungen. Bei ihm liegt der “Splattereffekt” eher im Detail und er versucht kreative Schockeffekte einzubauen. So wird zum Beispiel ein Zombie erledigt, indem er mit einem Defibrilator “kurz geschlossen” wird. Extreme Grausamkeiten bleiben in diesem Film aus. Es wird niemand vergewaltigt, niemand wird gefoltert und Romero ergeht sich auch nicht in minutenlangen Metzelorgien. Er legt mehr Wert darauf zu zeigen, zu welchen “unmenschlichen” Taten die Protagonisten gezwungen werden, um in der von ihm kreierten “Höllenvision” zu überleben. Dabei vergisst er auch nicht auf die moralische Problematik, der sich jeder einzelne im Film stellen muss, einzugehen und die Konsequenzen, die die Protagonisten für sich daraus ziehen, darzustellen. Er verherrlicht das Töten nicht, verzichtet aber ebenfalls nicht auf pointierte, überspitzte Darstellungen von ausgeübter Gewalt.
Romero bedient sich in “Diary of the Dead” der durch “Blair Witch Project” populär gewordenen Technik, den Film als eine Art Dokumentation erscheinen zu lassen. Mit Hilfe dieses Effekts flechtet Romero eine zweite unterschwellige Handlung ein. Er wirft die frage nach der Rolle der Medien in unserer modernen Gesellschaft auf und kritisiert die umgreifende Verrohung der Menschen. Er prangert an, dass die Medien vorzugsweise Gewalt- und Sensationsmeldungen zeigen, um den voyeuristischen Trieb der Gesellschaft zu befriedigen und in keiner Weise dazu anregen, über das Gezeigten nach zu denken. Die Grausamkeiten der Realität werden auf diese Weise in leicht verdauliche Häppchen verpackt und dem Zuschauer zum Abendessen serviert. Außerdem stellt er heraus, dass es ein zunehmendes Problem ist, dass die Medien immer mehr darauf verzichten, eigenständig zu recherchieren und sich häufig von Regierungen oder Interessengruppen instrumentalisieren lassen, gewünschte Stimmungen im Volk zu produzieren. Letztendlich wirft er sogar die Frage auf, ob die Menschheit sich dadurch nicht schon soweit vom Menschsein entfernt hat, dass sie eine Rettung gar nicht mehr verdient.
Der Film schafft es mit einer gänzlich überraschungsfreien Handlung, Spannung zu erzeugen und dem Zuschauer ein beklemmendes Gefühl zu verleihen. Die subjektive Kameraführung hat hierbei eine tragende Rolle. Man sieht das meiste des Geschehens aus dem Blickwinkel eines der Protagonisten und hat so die Möglichkeit sich in die Charaktere ein zufühlen. Man mag zwar wissen, dass hinter der nächsten Ecke ein Zombie lauert, die subjektive Darstellung jedoch ermöglicht einem die Angst des betroffenen Charakters zu fühlen und sich wider besseren Wissens zu erschrecken. Die dargebotene schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank weg sehr gut und die Szenen sind intelligent und selbsterklärend hintereinander geschnitten. (Falls sie sich fragen warum ich dies lobend hervorhebe, lesen sie einfach eine weitere Review auf dieser Seite und sie werden es verstehen.)
Was bleibt also zu sagen über “Diary of the Dead”?
“Diary of the Dead” ist ein weiterer hervorragender Film von George A Romero und bietet Unterhaltung weit abseits des üblichen “Zombiegemetzel-Einheitsbreis”. Der Film ist professionell produziert und liefert eine schlüssige Geschichte mit Tiefgang. Trotzdem ist der Film nicht bedingungslos zu empfehlen. Eine gewisse Bereitschaft sich mit den Visionen George A. Romeros auseinander zu setzen, muss in jedem Fall im Vorfeld gegeben sein, da man ansonsten sicher nur sehr schwer einen Zugang zu diesem Film bekommt.
Ist “Diary of the Dead” ein schlechter Film?
Absolut nicht!
Werde ich ihn mir nochmal ansehen?
Mit Sicherheit.
