Warning: Explicit Content! This article may be not suitable for people younger than 18 years. Parental Advisory is recommended. Read at your own risk!

Ja, ich mag Olaf Ittenbach und seine Filme. Irgendwie. Dennoch muss ich gestehen, dass „Beyond the Limits“ einen weiteren Drahtseilakt und eine Belastungsprobe für mein Nervenkostüm darstellt. Die Gründe dafür sind ebenso zahlreich wie verschiedenartig.

Fangen wir mit dem Plot an:

Für Ittenbachs Verhältnisse haben wir hier eine schlüssige Story vorliegen – die Geschichte vom ewigen Herzen. Unser Doc aus „Chain Reaction“ – diesmal in stylishem Schwarz anstatt Sträflingsrosa – übernimmt hier die Rolle des redseligen Totengräbers und erzählt einer jungen Reporterin zwei gänzlich unterschiedliche Geschichten. Geschichten über jene, die verstorben sind und auf seinem Friedhof beigesetzt wurden. Der erste Teil des Films ist ein Stoff, der sich ausgiebig bei „Pulp Fiction“, „From dusk til dawn“ und anderen Gangster-Filmen bedient. Es geht um Betrüger und Betrogene, Aktenkoffer, Drogen, Rache und den ganz normalen Wahnsinn, der ausbricht, wenn jemand eine Ladung Koks nach Udelfangen mitbringt. Teil zwei hingegen schickt den Zuschauer auf eine Reise ins finstere Mittelalter, wo man Zeuge einer Geschichte rund um die Selbstherrlichkeit der Inquisition wird.

Es erübrigt sich, weitere Details zu nennen, da alle Geschichten mehr denn je nur einem einzigen Zweck dienen: sie sollen die Bühne bereiten für Ittenbachs Visionen der Gewalt.

„Beyond the Limits“ – der Film der oft verschoben wurde und ohne externe Geldgeber vermutlich ganz gescheitert wäre – ist genau das, was der Titel verspricht: ein Schritt über die Grenze.

Zunächst über die Grenze des guten Geschmacks:

Ittenbachs Darstellungen von Gewalt waren seit jeher nicht in Einklang zu bringen mit dem, was man sich gemein hin unter geschmackvoller Unterhaltung vorstellt. Doch damit nicht genug. Olaf scheint sich zu Größerem berufen zu fühlen und lässt in diesem Film so richtig die Sau raus!

Auch die Grenze des schlechten Geschmacks – wie auch immer man diesen individuell definieren mag – wird mit spielerischer Sicherheit genommen:

Vorbei sind die Tage von Blut triefenden Mensch-Stacheldraht-Sofa-Konglomeraten, denn Ittenbach ergeht sich in Darstellungen der Gewalt, wie sie kaum jemand sehen möchte und nur die Wenigsten sie ertragen können.

Die Grenze, die dieser Film tatsächlich überschreitet, ist letztendlich die Grenze des Zumutbaren:

Ittenbach macht hier nicht einfach nur Splatter, er inszeniert eine Darbietung des Grauens, die kaum etwas aus lässt, was sich der menschliche Verstand ausmalen könnte. Schonungs- und völlig kompromisslos zeigt er Dinge, die man nicht sehen, die man sich nicht einmal vorstellen möchte. Hier geht es nicht um Spaß, nicht um karikierendes Überzeichnen. Hier geht es ans Eingemachte, es geht um die Wurst des Grauens und der Anarchie!

Sicher, werden die hart Gesottenen unter uns sagen, der Blumenkohl mit Tomatensauce bleibt ein Blumenkohl mit Tomatensauce, aber Ittenbach gibt sich größte Mühe, diesen Horror so real wie nur möglich erscheinen zu lassen. Hilfreich sind dabei die für seine Verhältnisse besten Schauspieler, Kulissen, Requisiten und Kamerafahrten seiner Karriere als Filmemacher. Selbst die Geschichte schafft es für kurze Momente, einen Hauch von Spannung aufkommen zu lassen und nicht jeder Dialogfetzen ist ein unfreiwilliger Lacher.

Vor diesem Hintergrund kann Beyond the Limits all seine Hässlichkeit entfalten und immer wieder fühlt man sich als Zuschauer mit zwei essentiellen Fragen konfrontiert: WER denkt sich so etwas aus und WARUM schaue ich mir so etwas an? Im einen Moment möchte man Hasstiraden auf den Schöpfer derartiger Geschmacklosigkeiten (ich erspare uns bewusst Beschreibungen des Gezeigten) heraus schreien, im nächsten ereilt einen die eigene Scham darüber, dass man immer noch nicht abgeschaltet hat.

„Beyond the Limits“ ist sadistisch. Er ist geschmacklos, brutal, blutrünstig, Gewalt verherrlichend und in jeder nur erdenklichen Weise falsch! Und dennoch hat er eine Daseinsberechtigung. Dieser Film ist offenkundig mit viel Mühe und Liebe zum Detail gedreht worden und er führt uns an die Grundpfeiler unserer eigenen Ethik heran. In gewissem Maße geht er in eine ähnliche Richtung wie „Postal“, spielt offensiv mit Tabubrüchen und überschreitet Grenzen und gesellschaftliche Normen. Der feine Unterschied jedoch liegt in der Art der Darstellung, die einen immer wieder auf die Frage stößt, ob der Regisseurs einfach nur anecken möchte, oder ob man tatsächlich sadistischen Phantasien beiwohnt, die man am liebsten nie zu Gesicht bekommen hätte. Ist man dem Regisseur dankbar dafür, dass er einen für gute 100 Minuten an die Hand genommen und durch die Abgründe seiner Phantasie geführt hat, oder möchte man ihn empört dafür ohrfeigen?

Die letzte Entscheidung darüber kann nur jeder Zuschauer für sich selbst fällen…

Ist Beyond the Limits ein schlechter Film?

Was ist gut und was ist schlecht – jenseits der Grenze?

Werde ich ihn mir nochmal anschauen?

Jeder soll für sich selbst entscheiden, ob und was er dem Film abgewinnen kann, aber ich verspüre keinen Antrieb, ihn mir noch einmal anzusehen.

Mehr von Olaf Ittenbach:
Premutos – Der gefallene Engel
Chain Reaction