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Ja, ich mag Olaf Ittenbach und seine Filme. Irgendwie. Ich mag es, wie er es mit Blumenkohl, Hefeteig und Tomatensauce schafft, die Phantasie seiner Zuschauer derart zu beflügeln, dass Reaktionen wie schamhaftes Kopfschütteln, entsetztes Abwenden oder gar moralisch-ethische Hasstiraden keine Seltenheit sind. Ich mag das Engagement, mit dem er seine ersten Filme mit Minimalbudget und extrem viel kreativem Improvisationstalent inszenierte. Ich mag die kruden Stories, die so absurd sind, dass ich mich irgendwann im Zwiespalt zwischen Lachen und Weinen wiederfand und mich aus nicht näher geklärten Gründen fürs Lachen entschieden habe. Ich mag seine Tabubrüche, Grenzüberschreitungen und seinen  Humor.

Warum mag ich dann „Chain Reaction“ nur äußerst bedingt, wird sich der geneigte Leser fragen?

Die Antwort darauf liegt in der Auseinandersetzung mit der Frage, was passiert, wenn ein Hobbyfilmer Selbiges zum Beruf macht. Doch eins nach dem Anderen.

„Chain Reaction“ erzählt die Geschichte von Doug (Christopher Kriesa), einem Arzt, der mitten im Nirgendwo mit einem Gefangenentransporter kollidiert. Genauer gesagt wird die Geschichte durch einem Stein ins Rollen gebracht, welchem später noch eine zutiefst metaphorische Deutung zuteil werden wird (gähn!) und welcher unvermittelt die Scheibe von Dougs Wagen trifft und damit den Unfall verursacht.

Bereits an dieser Stelle fragt man sich zum ersten Mal, was Ittenbach geritten hat, als ihm die zündende Idee zu dieser Geschichte kam. Ich bin unschlüssig, ob er tatsächlich versuchen wollte, ein niveauvolles Element in seine Filme zu integrieren, oder ob dieser Butterfly-Effect-für-Arme erneut seinem absurden Humor zuzuschreiben ist. Verdrängen wir diese Frage vorläufig und wenden uns wieder der Story zu: Die Gefangenen – allesamt freundliche Psychopathen im rosa (??) Sträflingsdress – liefern sich zunächst eine äußerst blutige Schlacht mit den überlebenden Polizisten und nach spätestens 5 Minuten weiß der Zuschauer, wo in diesem Film der Hammer hängt.

Was der Zuschauer ebenso wenig wie ich verstehen dürfte, ist, warum Ittenbach bei dem offensichtlich nicht ganz geringen Budget direkt zu Beginn eine Platzpatronenschießerei der übelsten Sorte inszeniert, in welcher die Pistolen wie mit Erbsenmunition bestückt klingen, wohingegen die Schrotflinte akustisch an eine Mischung aus Nuklearschlag und Panzerhaubitze erinnert. Unterm Strich wird fleißig gestorben und sadistischen Phantasien freier Lauf gelassen.

Die Gefangenen, unter denen sich die Brüder Arthur und Spence befinden, packen sich den noch vom Aufprall benommenen Doc und schlagen sich mit ihm im Schlepptau ins Unterholz der umliegenden Wälder. Es folgen absurde Dialoge, in denen Arthur den schweren Mann raushängen lässt und dabei, ebenso wie sein Bruder, in vielerlei Hinsicht an die Gebrüder Gecko in „From dusk till dawn“ erinnert. Natürlich, ohne auch nur im Entferntesten deren Klasse zu erreichen! Die Story schleppt sich dahin, Arthur markiert regelmäßig das Alpha-Männchen (was dem Zuschauer unfreiwillig komische Monologe und ganz viel Fremdschämen beschert) und die ersten 20 Minuten lassen sich in folgendem Satz zusammenfassen: Der verletzte Spence wird ohne eine dringend notwendige Operation sterben, welche der Doc aus Mangel an entsprechenden räumlichen Möglichkeiten und dem unglücklichen Verlust des medizinischen Equipments (don’t ask!) nicht vor Ort durchführen kann, daher beschließt man aus unerfindlichen Gründen, nach Norden in die Wälder zu gehen. Im zum Gähnen mystischen Nebel verirrt, stößt die illustre Gesellschaft, nach einiger Zeit auf eine abgelegene Hütte und beschert Martina Ittenbach ihren ersten Auftritt, als sie eine Ziege „anschächtet“ und die blutende Wunde anschließend mit einer schwarzen Paste versorgt, bevor sie wieder in der Hütte verschwindet. Unser blitzgescheiter Arzt realisiert sofort die Bedeutung der obskuren Medizin, doch zunächst beschließt man, die Hütte in Beschlag zu nehmen. Darin wartet jedoch eine Amish-artige Familie auf die Protagonisten, welche eine seltsame Art zu sprechen pflegt und zum Teil mit billigst Computer-verfremdeten Stimmen erneut vergeblich beim Zuschauer um Stimmung buhlt.

Um grausige Szenen zusammenzufassen: Spence wird operiert (selbstverständlich muss der Arm amputiert werden) und die Hüttenbewohner entpuppen sich als Vampire,  welche die Gefangenen erfolgreich dem Leben entreißen. Hier kann Olaf nun aus dem Vollen schöpfen und beschert und in der Tat grandiose Effekte auf einem Niveau fernab von Keramikgefäßen mit Toupet und Gesichtsbemalung und für einige Minuten wird dem Splatter-Freund berechtigter Weise wohlig warm uns Herz. Sehr positiv sei am Rande angemerkt, dass Ittenbach in Chain Reaction weitgehend auf Sadismus der widerlichen Art (Vergewaltigungen und Folter) verzichtet und der Zuschauer dauerhaft das Gefühl hat, einen surrealen Film zu sehen, der keinerlei Anspruch auf Parallelen zur Realität erhebt.

Die Tochter des Hauses (Martina Ittenbach) gewährleistet das Weiterleben des Protagonisten, indem sie sich gegen ihre Familie wendet und der erfolgreich entflohene Arzt wird nach gelungener Flucht von der Polizei aufgegriffen. Absurder Weise ist der arme Mann jedoch nicht in Sicherheit, sondern wird nun des Mordes an den verschwundenen Insassen des Gefangenentransports beschuldigt und wandert selbst ins Kittchen (again – don’t ask!!)! Nun ja, zunächst wandert er in einen weiteren Gefangenentransport und langsam dämmert es dem Zuschauer, was der sogenannte Clou an Ittenbachs Geschichte ist: auch dieser Transport kollidiert mit einem Zivilfahrzeug (wieder ist besagter Stein die Ursache einer Kettenreaktion) und ein neuer Trupp gefangener Psychopathen flüchtet in die Wälder. Im Schlepptau ist natürlich unser Doc. Absurde Szenen wiederholen sich, bis man erneut auf die Hütte stößt und ein weiteres Massaker seinen Lauf nimmt. Sogar eine Kettensäge ist diesmal mit an Bord! Erwähnenswert bleibt hier nur der Darsteller des Psychopathen, der wie eine Kreuzung aus dem intellektuellen Hannibal Lecter (verbal) und Fester Adams (optisch) daher kommt. Die Parallelen zu besagten Figuren basieren jedoch selbstverständlich erneut nicht auf gewitzter Darstellung, sondern grotesk schlechtem Plagiatismus.

Letztendlich entkommen Doug und die Amish-Tochter dem Vampir-Blutbad und werden auf einer Straße von einem – bitte dreimal raten – Gefangenentransporter überfahren (beziehungsweise von dessen Insassen erschossen), was uns letzte Splatter-Momente und eine erlösende s/w-Szene beschert. Erlösend, weil der Film danach endlich vorbei ist.

Was bleibt rückblickend zu sagen? Es schadet Ittenbachs Filmen ungemein, dass der Mann nun ein Budget zur Verfügung hat, welches mittelmässige Hollywood-Aufnahmen und das Anwerben drittklassiger, talentloser Schauspieler ermöglicht. Auch die Versuche des Drehbuchs, eine „echte“ Geschichte zu erzählen, sind extremst unbeholfen und unterm Strich wirkt alles an diesem Werk unfreiwillig komisch, was früher in Olafs Filmen bewusst und offensichtlich totaler Stuss war.

Scheisse in einer Glasvitrine bleibt eben Scheisse – nur wirkt sie an diesem Ort nun zusätzlich deplatziert.

Wirklich gelungen sind in Chain Reaction lediglich die Splatter-Szenen, welche durchaus neue Maßstäbe in dem Genre setzen dürften. Was den Rest betrifft, ist es der geübte Zuschauer ohnehin gewohnt, bei den Story-Elementen derartiger Filme die Skip-Taste zu nutzen.

Ist Chain Reaction ein schlechter Film?

Ausdrücklich ja.

Werde ich ihn mir nochmal ansehen?

Wenn ja, dann nur mit Freunden, genügend Bier in der Nähe und der Fernbedienung in der Hand.

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